12. KAPITEL
Xander, Cordelia und Angel marschierten zielbewußt mitten auf der Straße.
„Bist du sicher, daß sie hier langgelaufen ist?" fragte Xander.
Angel schüttelte den Kopf. „Nein."
Er hatte inzwischen genug Zeit gehabt, um wieder seine menschliche Gestalt anzunehmen, aber das hatte nicht viel genützt. Er wußte, daß Buffy einen viel zu großen Vorsprung hatte. Insgeheim fragte er sich, ob sie Buffy überhaupt noch finden würden, und wenn ja, in welchem Zustand.
Cordelia versuchte ihn aufzumuntern. „Ihr wird schon nichts passieren."
„Buffy würde nichts passieren", mahnte Angel. „Aber wer auch immer sie jetzt ist - sie ist hilflos. Kommt!"
Sie eilten weiter, an Spikes Versteck vorbei. Ein kle iner Teufel und ein kleiner Vampir standen ihm zur Seite.
„Hört ihr das. Freunde?" murmelte Spike glücklich. „Irgendwo in der Nähe ist das zarteste Fleisch, das ihr je gekostet habt. Und alles, was wir dafür tun müssen, ist, sie zuerst zu finden."
Buffy war außer sich vor Angst. Mutterseelenallein wanderte sie durch unbekannte Straßen in einem unbekannten Jahrhundert. Ihr Kleid und ihre Schuhe waren schmutzig und zerrissen. Ohne es zu merken, kam sie nun in das verlassene Gewerbegebiet der Stadt, in dem stillgelegte Fabriken und zugenagelte Lagerschuppen für eine Umgebung sorgten, die nicht einmal Hartgesottene gerne aufsuchten.
Sie stolperte durch eine Gasse, kletterte mühsam über Kisten und Müllhaufen. Angstvoll suchten ihre Augen die Umgebung ab. Über allem lagen unheimliche Schatten, angsteinflößend wie in einem Alptraum. Und als unvermittelt eine Gestalt aus dem Dunkel hervortrat und ihr den Weg versperrte, war Buffy so in Panik, daß sie nicht einmal mehr schreien konnte.
Der Pirat war ein Riese. Er ragte turmhoch vor ihr auf. Sein Grinsen enthüllte einen Mund voller Zahnlücken und Stummelzähne, während er lüstern auf sie herabsah.
„Hübsch . .. hübsch ..." kicherte er kehlig.
Larrys Piratenkostüm hatte zu Beginn des Abends noch lächerlich gewirkt. Nun aber war es Wirklichkeit geworden.
Brutal riß er Buffy in seine Arme und lachte, als sie aufschrie und sich zu befreien suchte. Als es ihr gelang, einen Finger in sein gesundes Auge zu bohren, stieß er ein wütendes Gebrüll aus und schleuderte sie mit aller Kraft zu Boden.
Buffy schlug hart auf und wimmerte vor Schmerz. Sie versuchte davonzukriechen, aber Larry zog sie wieder hoch.
„Nein", flehte Buffy, „bitte . .. nicht..."
Roh packte er ihr Kinn. Er machte den Mund auf und fuhr genüßlich mit der Zunge an seinen gezackten Zahnstummeln entlang.
Dann wollte er sie küssen.
Mit einem Schrei sprang Xander aus dem Nichts hervor und nahm Larry in die Zange. Während Buffy davonkroch, kämpften die beiden wie zwei Raubtiere.
Buffy rannte direkt auf Cordelia zu.
„Buffy? Bist du okay?"
Heftig zitternd warf sich Buffy in Cordelias Arme. Dieses eine Mal wußte Cordelia wirklich nicht, wie sie die Situation bewältigen sollte.
Sie stand wie angewurzelt da, während Buffy sich an sie schmiegte, und sah dem Kampf zu, der dort vor ihrer Nase tobte.
Larry war immer sehr stark gewesen, aber in dieser Inkarnation war nun Xander stärker. Als Larry nach seinem Schwert greifen wollte, schlug Xander es einfach beiseite.
Buffy blickte auf. Dort kam Angel! Sie kreischte und drückte sich noch enger an Cordelia.
Die verlor nun doch langsam die Geduld. „Was ist denn los mit dir? „
„Er ist... er ist ein Vampir!” schluchzte Buffy.
Angel blieb stehen und schaute die beiden an. Einen flüchtigen Augenblick lang gab seine Miene zu erkennen, wie verletzt er war. Cordelia verdrehte die Augen. Sie sah Angel mitleidig an.
„Sie glaubt irgendwie, daß sie - ach, vergiß es!” Dann sprach sie in schulmeisterlichem Ton zu Buffy: „Ist ja schon gut. Angel ist ein guter Vampir. Er würde dir nie was tun.”
„Ehr - ehrlich?” stammelte Buffy.
„Natürlich.” Cordelia hörte sich an, als tröste sie ein kleines Kind. „Angel ist doch unser Freund. ”
Schüchtern, aber immer noch nicht überzeugt, schaute Buffy Angel an. In der Zwischenzeit hatte Xander seinen Gegner mit einem Kopfstoß und zwei schnellen Kinnhaken besiegt.
Larry lag bewußtlos am Boden.
Eine Minute lang starrte Xander auf ihn herunter. Dann wandte er sich verblüfft an Angel. „Komisch - aber diesen Piraten zu verprügeln hat mir irgendwie das Gefühl gegeben, daß ich etwas zu Ende gebracht habe.”
„Jungs!” rief Willow.
Als sie sich erwartungsvoll umdrehten, sahen sie Willow wie von allen Teufeln gehetzt auf sich zurasen. Angel machte einen Schritt nach vorn - er spürte, daß die Dinge sich zum Schlimmeren gewendet hatten.
„Willow!”
„Ihr geht alle rein!” stieß Willow atemlos hervor.
Sie deutete hinter sich. Eine Gruppe schemenhafter Gestalten kam langsam näher. Angel erkannte Spike sofort. Die anderen waren eine seltsame Mischung der verschiedensten Ungeheuer in Kinder- und Erwachsenengröße.
Xander übernahm das Kommando. „Wir müssen uns nach einem Unterstand umsehen.”
„Da lang!” rief Angel. „Sucht nach einem offenen Lagerhaus.”
Höflich trieb Xander die Frauen zusammen. „Ladys, Abmarsch."
Jeder marschierte ab - außer Buffy.
In ihrer geschwächten Verfassung konnte sie gerade eben noch stehen. Mit einer geschmeidigen Bewegung nahm Angel sie auf seine Arme. Ihr Körper fühlte sich zart und zerbrechlich an, und er spürte ihre überwältigende Furcht. Diese Seite von Buffy hatte er noch nicht kennengelernt.
Eine schwache Seite. Eine völlige Hilflosigkeit, die sie höchstwahrscheinlich umbringen würde.
Angel hielt sie fester und trug sie geschwind durch das Gewirr dunkler gefährlicher Straßen.